Hörschnecke
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Hirnstrommessung

Zwischen Leben und Tod - Das Schicksal von Komapatienten

Die Augen sind geöffnet. Andreas scheint wach zu sein, doch er starrt nur an die Decke, bewegt sich nicht, redet nicht. Es scheint, als wäre er gar nicht da – abwesend – ganz weit weg. Er liegt im Koma – im sogenannten Wachkoma. Bei einem Verkehrsunfall erlitt er unter anderem schwere Kopfverletzungen. Sie führten dazu, dass sein Gehirn nicht mehr durchblutet und somit auch nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wird.

Andreas kommt auf die Intensivstation. Dort übernehmen Maschinen die Arbeit des Gehirns. Der Junge wird künstlich beatmet und ernährt. Professor Paul Walter Schönle ist Chefarzt und ärztlicher Direktor der Neurologischen Reha-Klinik in Magdeburg. Bereits seit 15 Jahren beobachtet er, wie Wachkomapatienten schrittweise das Bewusstsein wiedererlangen. Denn noch viele Fragen sind offen: Was nehmen Komapatienten wahr? Wann besteht Hoffnung, dass sie in ein normales Leben zurückkehren?

Pro Jahr fallen nach groben Schätzungen des Bundesverbands für Schädel-Hirnpatienten in Not e.V. etwa 40.000 Menschen in Deutschland aufgrund schwerster Schädel-Hirnverletzungen ins tiefe Koma. Etwa 20.000 davon verharren anschließend im sogenannten Wachkoma, oft für Monate, manchmal gar für Jahre. Die übrigen erwachen entweder sofort oder sie sterben.

Das Schicksal eines jungen Menschen

Seit drei Wochen liegt Andreas nun schon im Koma – immer noch an Maschinen angeschlossen. Die Zeit wird knapp. Sein Gehirn muss nach spätestens vier Wochen erneut anfangen zu arbeiten und lebensnotwendige Funktionen wie die Atmung wieder selbst regulieren. Sonst sterben auch die restlichen Gehirnzellen ab und damit auch Andreas.
Doch er hat Glück. Sein Gehirn fängt wieder an zu arbeiten. Jedoch: Auf dem Weg zurück ins Leben ist der Junge steckengeblieben - in einer Welt zwischen Leben und Tod. Andreas liegt im Wachkoma. Die medizinische Erklärung: Sein Gehirn ist zu sehr geschädigt. Zu viele Nervenzellen sind abgestorben.

Der Hirnstamm

Der Hirnstamm in der Tiefe des Gehirns reguliert die lebenswichtigen Grundaufgaben des Körpers wie die Atmung, das Schlucken und den Kreislauf. Das Mittelhirn, ein Teil des Hirnstamms, leitet Informationen aus dem Rückenmark an das Großhirn weiter. Dort liegt der Sitz unseres Bewusstseins. Es verarbeitet alle Sinneseindrücke zu einer Gesamtwahrnehmung. Beim Wachkoma, auch apallisches Syndrom genannt, ist in der Regel die Informationsübertragung des Mittelhirns gestört. Häufig sind auch der Hirnstamm sowie das Großhirn direkt geschädigt.

Wachkomapatienten haben eine normale Lebenserwartung. Doch niemand weiß, ob und wann sie aus den tiefen Abgründen des Bewusstseins wieder auftauchen. Aufsehenerregende Berichte von Menschen, die nach Jahren aus dem Wachkoma aufgewacht sein sollen, werden von der Fachwelt kontrovers diskutiert und für unwahrscheinlich gehalten: War es denn wirklich ein echtes Wachkoma oder doch nur eine weniger tiefe Form der Bewusstseinsstörung?

Dem Tod nahe

Es gibt nur wenige Erfahrungsberichte von Menschen, die aus dem Wachkoma wieder zurückgekehrt sind. Die Mehrheit erinnert sich an nichts. Die Berichte derjenigen, die sich erinnern können, ähneln denen von Nahtoderfahrungen. Sie alle sahen ein weißes Licht am Ende eines Tunnels. Und sie sahen ihr Leben im Zeitraffer noch einmal vor ihrem inneren Auge.
Die Ärzte gehen davon aus, dass Andreas nicht träumen kann, da sein Gehirn zu schwer geschädigt ist. Doch mit Sicherheit ausschließen kann es niemand. Zwischen Leben und Tod gibt es viele Bewusstseinsstufen. Nur die wenigsten von ihnen sind bisher erforscht.

Ärzte sind heute in der Lage zu überprüfen, welche "Sinneskanäle" ins Gehirn offen sind: Können Wachkomapatienten hören, sehen, fühlen, riechen und schmecken? Um diese Frage zu klären, bedienen sie sich unter anderem der Hirnstrommessung (EEG). Dabei verkabeln sie den Kopf von Andreas. Die Elektroden zeichnen seine Hirnströme auf und registrieren kleinste Veränderungen.

Die Elektroden schlagen an

Der erste Test: Die Mutter von Andreas erzählt ihm eine Geschichte. Er reagiert nicht. Der zweite Test: Sie klatscht mehrere Male hintereinander. Andreas hört das – seine Hirnströme zeigen deutliche Ausschläge. Anschließend prüfen die Ärzte, ob der Junge Schmerz wahrnimmt: Die Reaktion ist eindeutig. Die Ausschläge der Hirnströme sind immens. Sie zeigen, dass es sich bei seiner Reaktion nicht nur um reine Reflexe handelt. Der vierte Test soll zeigen, ob Andreas auf visuelle Reize reagiert. Eine Spezialbrille erzeugt viele aufeinander folgende Blitze. Doch seine Hirnströme zeigen keinerlei Veränderung. Andreas ist durch den Unfall erblindet.

Fehldiagnosen

Was also, wenn ein Patient taub und blind ist und deshalb nicht reagiert? Eine eindeutige Diagnose, ob ein Mensch im Wachkoma liegt oder nur in seinem Körper gefangen, aber geistig völlig klar ist, gibt es nicht. Im Gegenteil: Die Quote der Fehldiagnosen liegt bei 40 Prozent. Auch heute noch. Grund sind oft mangelnde Untersuchungen, denn nicht alle Kliniken verfügen über die neuesten und modernsten Untersuchungsgeräte und Methoden.

Leider gehören Schädel-Hirnpatienten und damit auch die Menschen, die im Wachkoma liegen zu einer "Patientenrandgruppe". Während ein Mensch im Wachkoma liegt, was sich über Monate, wenn nicht sogar Jahre hinziehen kann, sind seine Versorgungs- und Betreuungssituation sowie die finanzielle Absicherung völlig ungeklärt. Wer nicht die Berufsgenossenschaft, eine gut zahlende gegnerische Versicherung, als Kostenträger hat, selbst vermögend oder Sozialhilfeempfänger ist, fällt in ein absolutes Versorgungsloch. Den meisten Betroffenen bleibt nach erfolgloser Frührehabilitation nur der Ausweg, den Komapatienten zu Hause selbst zu versorgen, denn die Krankenkassen erklären sich für das Krankheitsbild "Apallisches Syndrom"/ Wachkoma nicht mehr zuständig. Laut Angaben des Bundesverbandes werden Angehörige oft mit den Worten: "Der Patient ist austherapiert, es gibt leider keine weitere Hoffnung", abgefertigt.

Keine Hoffnung mehr?

Doch wer weiß, vielleicht ist das Leben in der Zwischenwelt ja schöner, als wir es uns vorstellen. Und vielleicht sind Wissenschaftler ja schon bald in der Lage, Licht in die dunkle unbekannte Welt zu bringen. Die Eltern von Andreas geben ihre Hoffnung nicht auf. Sie sind sich sicher, dass ihr Sohn sie hört. Und sie glauben fest daran, dass ihr Kind eines Tages zu ihnen zurückkommt.

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